5 Minuten mit: Dem ICE nach Hamburg

Es ist 10.13 Uhr: lautstark grölend wird vom Herrenclub aus Stuttgart in einer Mischung aus badischem, schwäbischem und pfälzischem Dialekt die Hymne aller Hamburg-Fahrten angestimmt: „Auuuuf der Reeeeeperbahn nachts um halb eeeeeeins“. Die Gruppe der lautstarken Männer, alle um die 40 herum, dominiert das Ruheabteil, in dem neben ihnen Geschäftsleute, Senioren oder Eltern mit ihren kleinen Kindern sitzen. Das ein oder andere Bierchen wird bei diesen Herren schon geflossen sein, das ist sicher. Von belustigtem Schmunzeln, lautem Lachen bis hin zum verärgerten Kopfschütteln sind alle Reaktionen dabei. Ich sitze auf meinem Platz, versuche mich auf meine Arbeit am Laptop zu konzentrieren und schwanke noch zwischen genervter Verärgerung und belustigtem Hinnehmen der Situation. Der Zug ist gerade einmal 15 Minuten unterwegs, wir haben noch gute 5 Stunden Fahrt vor uns, bis wir in Hamburg einfahren. Und ich hatte noch keinen Kaffee!

Schnaufend wird eine ältere Dame von einem Zugbegleiter zu meiner Sitzreihe begleitet: „So junge Dame, und hier ist dann ihr Sitzplatz“. Die „junge“ Dame sitzt also neben mir und wirkt ziemlich verzweifelt. Ich lasse sie durch an den Fensterplatz und sie wuchtet ihren schweren Koffer in ihren Fußraum – dabei ist oben noch ausreichend Platz in der Gepäckablage. Auf mein Angebot hin, ihr beim Hochheben des Gepäcks zu helfen, lehnt sie bescheiden ab. „Nein, nein, das geht schon. Ich lasse den Koffer einfach unten.“ Na gut, viel Spaß damit, denke ich mir und setze mich wieder gemütlich hin. Mittlerweile habe ich meine Zuglektüre herausgeholt, denn konzentrieren kann ich mich gerade wirklich nicht bei all dem Lärm. Also erst einmal eine Runde Boulevardpresse durchblättern. Insgeheim schäme ich mich nach wie vor, so etwas überhaupt zu kaufen – aber hey, manchmal brauche ich diese sinnlose Informationsberieselung auf langen Fahrten zur Abwechslung.

Die Dame neben mir hat endlich ihre kurzen Beine um den riesigen Koffer schlingen können und setzt sich erschöpft hin. „Beinah hätte ich meinen Zug verpasst – das ist heute wirklich nicht mein Tag!“, erzählt sie mir. „Na dann kann es ja nur noch besser werden“, versuche ich sie zu ermuntern und lächel ihr zu. Ihr Gesicht zeigt eher Resignation. Aber gut, jeder hat mal einen schlechten Tag! Ich blättere also weiter in meiner Zeitschrift und merke, dass die Dame neben mir interessiert auf die Seiten rüberschielt. Nach einigen Minuten holt sie zwei Klatschblätter heraus und zeigt sie mir stolz: „Wenn sie gleich noch etwas anderes lesen wollen, ich habe auch noch was dabei“. Ich schaue auf die Titel: Helene Fischer und Florian Silbereisen strahlen mich an, auf dem anderen Magazin lächelt schüchtern ein Adelsmitglied, das ich nicht zuordnen kann. „Mhh, ja Danke, darauf komme ich später bestimmt gerne zurück“, bedanke ich mich und vertiefe mich schnell wieder in den Artikel über die Kardashians. Das Interesse meiner Nebensitzerin verebbt hingegen nicht. Kaum habe ich auf die letzte Seite geblättert, erinnert sie mich „unauffällig“ mit einem Schubs von der Seite an ihre Magazine und lächelt mich an. „Wenn sie noch mehr lesen möchten??“ Naja, eigentlich ja nicht, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die Dame neben mir dafür sehr gerne in meiner Zeitschrift lesen möchte. „Ach, ich mache eine kurze Lesepause, Danke. Aber Sie können natürlich gerne in meiner Zeitschrift lesen“. Gesagt, getan – schnurstracks wird mir das Magazin abgenommen und ich habe die leise Ahnung, dass der Tag der Dame neben mir so langsam doch noch besser wird. „Und vielleicht können Sie mir ja doch noch helfen, meinen Koffer nach oben zu packen?“, fragt sie mich schüchtern. „So langsam wird es doch etwas unbequem an meinen Beinen“. Den Koffer in der Gepäckablage und die inTouch in der Hand, beginnt meine Sitznachbarin ihre Fahrt zu genießen.

Derweil sitzen schräg hinter mir zwei ältere Damen, die sich unentwegt über die Gesänge des Männer-Rudels amüsieren. Übertönt wird der Gesang lediglich vom Klingelton einer der beiden Damen, der nicht aufhören will, obwohl sie ihr Smartphone panisch aus der Tasche kramt und vor sich hält. „Hallo? Haaaallooooo? Gisela?“ Das Klingeln hält an, die Verzweiflung der Dame wird größer. „Ich glaub das geht nicht, Hannelore!“, ruft sie ihrer Sitznachbarin zu. Das wiederum hat das gesamte Abteil mittlerweile auch gemerkt. Schnell biete ich meine Hilfe an, die Verzweiflung der Dame nimmt sekündlich enorm zu. Sie streckt mir ihr Smartphone entgegen, ich swipe den grünen Hörer zur rechten Seite und sie kann endlich mit Gisela telefonieren. Gott sei Dank!

Minuten später habe ich das freudig strahlende Lächeln der Mitfahrerin vor meinem Gesicht. „Also das ist ja wirklich so toll, dass sie mir geholfen haben!“ Easy peasy denke ich mir, bekräftige aber vor der Frau, dass diese Smartphones auch wirklich kompliziert sind. Nach meiner Klingelton-Rettungsaktion habe ich das Gefühl, das zweite Herz im Zug erobert zu haben. Ich und alte Damen, das scheint gut zu funktionieren!

Nach gut zwei Stunden wird der Sitzplatz neben meinem Freund frei, der vor den beiden alten Damen sitzt. Mich überkommen schon leise Gewissensbisse, weil ich damit meine Sitznachbarin alleine lassen würde – und das, obwohl ich immer noch nicht ihre Klatschblätter gelesen habe. Ich fasse meinen Mut zusammen und wechsel auf die andere Gangseite, sehe aus dem Augenwinkel die Herzchen in den Augen der beiden Damen hinter uns. „Muss junge Liebe schön sein“, denken sich die beiden bestimmt und schnattern glücklich weiter über ihre Tanzgruppen, die Sehenswürdigkeiten in Hamburg und ihre neuesten Rezept-Errungenschaften. Ich fühle mich pudelwohl zwischen meinen drei Golden Girls und meinem Freund.

Derweil versuche ich mich mit Kopfhörern auf den Ohren noch einmal an meiner Arbeit. Der Laptop bietet mir zusätzlich eine gute Ausrede, die News über Helene und ihren Florian nicht lesen zu müssen. Trotz Kopfhörern ist die Geräuschkulisse wie bei Siebtklässlern auf Klassenfahrt, mit dem einzigen Unterschied, dass die vermutlich weniger stark lallen als unsere Mitfahrer. Neben dem schiefen Gesang des Männerclubs drängt sich aber ein weiterer Sound in den Vordergrund, und der kommt von den beiden Damen hinter uns. Lustig, denke ich mir, jetzt stimmen die also auch mit ein. Unverkennbar lassen die beiden nämlich Musik auf ihrem Smartphone laufen und ich sage mal lieber nichts, sollen die beiden doch auch ihren Spaß haben.

Tipp, tipp, tipp! Ein sanftes Fingerstupsen an meiner Schulter weckt mich aus meinen Gedanken und ich sehe wieder das Gesicht der alten Dame hinter uns – dieses Mal durch den kleinen Schlitz zwischen den Sitzen gezwängt. „Entschuldigen Sie bitte, aber wie bekommen wir denn die Musik aus? Das Telefon macht die ganze Zeit Musik und wir haben doch gar nichts angestellt.“ Wäre irgendwie auch komisch gewesen, hätten die beiden alten Damen tatsächlich absichtlich so laute Musik durch das Abteil schallen lassen. Ich helfe den beiden also den „Seniorentanz“ auszustellen und ernte dafür erneut fliegende Herzchen. Wenn es doch mal immer so leicht wäre, Sympathien zu erhaschen.

Während sich die beiden Damen hinter uns darüber austauschen, wie schön es ist, dass es doch noch junge Leute mit Manieren gibt, fahren wir in den Hannoveraner Hauptbahnhof ein. Meine Klatschmagazin-Freundin muss hier aussteigen, das hatte sie mir zu Beginn schon erzählt. Also biete ich ihr wieder meine Hilfe beim Koffer an, die umhersitzenden Männer sind zu vertieft in ihre Business-Mails oder Diskussionen über Werber-Preise, als dass sie die Initiative ergreifen würden. Jackpot für mich, denn mit dieser kleinen Geste steige ich bei den drei Golden Girls in die Ruhmes-Ebene auf! Ehre dem, dem Ehre gebührt oder so. All die Lobhudeleien der alten Damen lassen mich zumindest ziemlich beschwingt auf meinem Platz zurück.

Als wir in den Hamburger Hauptbahnhof einfahren, ziehe ich das Ass aus meinem Ärmel. Während mir die beiden Damen von ihrem geplanten Wochenendprogramm erzählen und versuchen, mit Krücke ausgerüstet ihr Gepäck durch den Gang zu hieven, lasse ich meinen Freund vorgehen. Der ist nämlich noch tausendmal charmanter als ich, wenn es um Hilfestellung für Mitmenschen geht und hilft den beiden, ihr Gepäck aufs Bahngleis zu manövrieren. „Also, wenn wir euch beide nicht gehabt hätten! Ihr werdet in den Himmel kommen!!“

Ich würde die beiden am liebsten einmal fest umarmen, denn wenn die beiden glauben, nur wir hätten ihnen den Tag versüßt, dann haben sie sich geirrt. Mit so kleinen Dingen so viel bewirken zu können, hat meinem Tag das Krönchen aufgesetzt und ich habe noch heute ein Lächeln im Gesicht, wenn ich an diese Zugfahrt und die drei entzückenden Mitfahrerinnen zurückdenke. Grölende Männerchöre hin oder her, das war eine schöne Reise mit der Bahn!

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